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  • Edo Reitenbach

Rituale in Zeiten der Krise



Rückblick: 27 Dezember 2008 Zwei Tage nachdem ich zu Forschungszwecken nach Israel kam, brach der Krieg in Gaza aus. Binnen 6 Tage schlugen mehr als 450 Raketen auf dem israelischen Boden ein, ich hörte zum ersten Mal Stadt-Sirenen heulen. Israel startete eine massive Luft- und Bodenoperation unter dem Namen „Gegossenes Blei“ die viel Zerstörung und Tod nach Gaza brachte. Ich konsumierte die Kriegsmeldungen im Stundentakt, sammelte Informationen, rechnete jeder Zeit mit Angriffen, ging nicht raus, obwohl es in Tel Aviv kaum eine wirkliche Bedrohung gab. Nach drei Wochen solcher Intensität an Bildern und Berichten, lebte mein Inneres bereits im Kriegsgebiet und ich fiel in eine Depression und Ohnmacht. Damals habe ich lernen müssen mich von dem Sog der Bilder, die mich ständig in Alarmbereitschaft versetzten, zu befreien. Ich verbrachte insgesamt zwei Jahre in Tel Aviv und erlebte, wie die Menschen dort kaum oder gar keine Nachrichten konsumierten. Sie wussten, wenn es schlimme Nachrichten gegeben hätte, die sie betreffen, würden diese sie schon auf dem einen oder anderen Weg erreichen.


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Bilder erzeugen Wirklichkeit


März 2022 Wenn man sich heutzutage die Nachrichten anschaut, bekommt man den Eindruck, dass alles in Chaos und Zerstörung versinkt - Klima Katastrophen, Pandemie, Krieg, Wirtschaftskrise etc. Was macht es mit uns? Wie gehen wir damit um? Medien und Politik fokussieren uns nur darauf, was alles schiefläuft. Aber ist es wirklich hilfreich? Wäre es nicht viel besser lösungsorientiert zu schauen, was bereits unternommen wird, welche Modelle bereits funktionieren und was noch getan werden kann, um die Lage zu ändern?


Aktuell erreichen uns täglich schlimme Bilder über den Krieg in der Ukraine. Die Medien wollen möglichst dramatisch darüber berichten, vielleicht um Menschen aufzurütteln, zu mobilisieren, doch diese Strategie bewirkt genau das Gegenteil. Viele sind überfordert, fühlen sich hilflos und erstarren oder ziehen sich komplett zurück, spalten ein Teil dieser Wirklichkeit einfach ab. Einige werden regelrecht in die Angst hinein hypnotisiert.


Warum ist es so? Unsere Spiegel Neuronen erlauben uns das im Außen erlebte, innerlich nachzuvollziehen und daraus zu lernen. Es ist die Art und Weise wie wir die Welt „begreifen“. Emotionales und gar Körperliches Nacherleben der tatsächlichen oder konstruierten Wirklichkeiten wirkt wie ein Echo, wie eine Re-Inszenierung, die in unserem neuronalen Netzwerk im Gedächtnis nachgebildet wird. So werden bestimmte Einsichten, Gefühle, Werte, Reaktionsmöglichkeiten etc. in uns im wahrsten Sinne des Wortes „geprägt“.


Wenn es sich im Außen ständig wiederholt, wie es beim wiederholten Nachrichtenkonsum der Fall ist – prägt uns die auf dem Bildschirm dargestellte „Wirklichkeit“ immer mehr. Und wenn diese „Wirklichkeit“ so schrecklich ist, dass man sie kaum ertragen kann – entsteht in uns etwas was man als sekundäre Traumatisierung bezeichnen könnte, quasi ein Trauma aus zweiter Hand. Nur, dass die Auswirkungen davon so sind, als hätte man das Trauma selbst erlebt. Denn für unser Gehirn macht es keinen Unterschied, ob wir etwas tatsächlich erleben oder es uns nur lebendig vorstellen bzw. so tun als ob.


Trauma jedoch, egal ob aus erster, zweiter oder dritter Hand, wirkt sich massiv auf unser Seelenleben und auf unsere Gesundheit aus. Trauma akkumuliert sich auch über die Zeit, wie ein Schneeball, der immer größer wird und zu einer Lawine wird. So tragen Generationen um Generationen die Traumata ihrer Vorfahren weiter in ihren Zellen und projizieren diese in die Gegenwart.


Neulich kam eine Freundin unseres Sohnes am Nachmittag zu Besuch und fragte, aus welchem Land denn seine Mutter komme. Unser Sohn hat daraufhin folgendes geantwortet: „Mama kommt aus Bulgarien und Papa aus Russland.“ (Ich bin als Deutscher in Kaukasus aufgewachsen und mit 13 Jahren nach Deutschland gekommen). Das Mädchen antwortete überzeugt „Ich hasse Russland und ich liebe die Ukraine“. Zur Anmerkung: unser Sohn und sie sind beide 5 Jahre alt! Ich war entsetzt über den Kommentar dieser zarten Seele. Das kindliche Bewusstsein nimmt alles ungefiltert auf, was die Erwachsenen von sich geben. Und so potenziert sich das Trauma und breitet sich aus wie eine Seuche der Ängste, des Misstrauens und der unbewussten Vorurteile. Auf diesem Nährboden gedeihen dann Kriege und Zerstörung. Lasst uns also in diesen Zeiten besonders achtsam sein, um den Samen der Gewalt und der Trennung keinen fruchtbaren Boden zu bieten. Mögen wir gemeinsam eine Welt erschaffen wo alle füreinander da sind und miteinander in Frieden leben.


Rituale in Zeiten der Krise

 

Was tun, wenn du in Zeiten extremer Krisen und Katastrophen handlungsfähig und zuversichtlich bleiben möchtest?


Wir hoffen, folgende Rituale und Impulse können dir helfen, aus der Falle der Traumatisierung auszutreten und in die Freude und Hoffnung zu kommen.

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Nachrichten 1-mal pro Woche


Viele von uns kennen das: push Nachrichten auf dem Smartphone, Live Ticker in Dauerschleife, Nachrichten in 100 Sekunden. Wenn du darauf achtest, dann wiederholen sich die Nachrichten ständig, das heißt du erfährst nicht automatisch etwas Neues, wenn du jede Stunde dir die Headlines anschaust und durch die Nachrichten stöberst. Hier ist eine große Falle, in die wir tappen, weil unser Gehirn evolutionsbedingt so gestrickt ist, dass Gefahrsignale in uns sofort die absolute Priorität bekommen. Nur, dass die Gefahr nicht direkt vor uns schwebt und wir dadurch unsere Alarmbereitschaft nicht sofort in Handlung umsetzen können. Daraus resultieren Depression, Traumata und Hilflosigkeit.


Statt Nachrichtenkonsum in Dauerschleife empfiehlt die Autorin, Journalistin und Filmemacherin Ronja von Wurmb-Seibel, welche Jahre lang in Kabul gearbeitet hat, ganz bewusst auf schlechte Nachrichten zu verzichten und sich stattdessen durch Sachbücher und Hintergrundartikel tiefgründiger über bestimmte aktuelle Themen wie Klimakrise oder Geopolitik zu informieren. Sie hat gerade ein Buch zu diesem Thema herausgebracht, welches wir sehr empfehlen: „Wie wir die Welt sehen: Was negative Nachrichten mit unserem Denken machen und wie wir uns davon befreien.“ Wie die Autorin selbst schreibt: „Es ist möglich, politisch informiert zu bleiben, ohne ständig niedergeschlagen zu sein.“


Wir laden dich dazu ein, dich nur 1-Mal die Woche zu informieren. Such dir einen Tag aus, an dem du dich mit dem Weltgeschehen ausführlicher beschäftigen möchtest und ließ dazu objektive und ausführliche Berichte. Als möglichen Start empfehlen wir dir zwei Artikel von Otto Scharmer, Dozent an der MIT und Mitbegründer des Presencing Institute, der die jetzige Situation zwischen der Ukraine, Russland und NATO aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet und nach Lösungsansätzen sucht, wie wir als Menschheit die Herausforderungen unserer Zeit meistern können. Seine neusten zwei Artikel findest du hier und hier.


 

Reden hilft


Mit anderen reden ist eines der wichtigsten co-regulativen Instrumente, die wir haben. Unser autonomes Nervensystem sehnt sich nach Sicherheit und Verbundenheit. Wenn du dich mit Menschen umgibst, die eine positive Grundhaltung haben, kann dir ihre Gegenwart helfen, die Geschehnisse in der Welt besser zu verdauen und wieder in deine Mitte zu finden. Genauso kannst du mit Gott im Dialog sein, wenn du Zugang zu dieser Quelle hast. Das Gebet ist eines der ältesten Rituale und erzeugt positive Vibration nicht nur für dich, sondern kann auch den Menschen in den Krisengebieten zugutekommen, wenn du für sie betest. Übrigens, es ist nicht wichtig, ob du an den einen Gott, oder an das Universum oder die Quelle glaubst. Für unser Gehirn ist es wichtig, dass es ein Gegenüber außerhalb von uns gibt, Martin Buber nennt es das „ewige Du“. So können wir uns mit diesem Gegenüber co-regulieren und heilen.


Aus der Co-Regulation heraus bekommst du deine Selbstwirksamkeit wieder zurück. Du beginnst Ideen zu bekommen auf welche Weise du dich engagieren kannst. Vielleicht hast du die Möglichkeit etwas zu spenden, Kleider, Proviant, oder den Flüchtlingen Obdach zu geben. Vielleicht bist du psychologisch oder medizinisch ausgebildet und kannst den Menschen auf seelischer Ebene beistehen, oder du bist handwerklich begabt und kannst mit anpacken. Wenn dein Nervensystem reguliert ist, steckt die Welt voller Möglichkeiten.


 


Im Hier und Jetzt gegenwärtig sein

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Es ist schon eigenartig. Ich stelle immer wieder fest, dass ich in zwei unterschiedlichen Welten lebe. Die eine – die virtuelle Welt - wimmelt vor negativen Informationen, Schreckensszenarien und Hiobsbotschaften. Wenn Menschen sich in dieser Welt austauschen, neigen sie sehr schnell zu Polarisierung und Stigmatisierung. Man verliert sich schnell darin, scrollt kopflos, erschöpft und hypnotisiert immer weiter runter und hat am Ende das Gefühl, als ob die eigene Lebensenergie irgendwo in das virtuelle Netz eingeflossen wäre. Verweile ich in dieser Welt bin ich nicht ganz da, sondern häufig abwesend, abgespaltet und hoffnungslos. Denn in dieser Welt scheint es nur Katastrophen zu geben, die Menschheit verloren zu sein. Warum berichten Medien überwiegend in die negative Richtung und schüren Angst? Es ist eine Frage von Ethik und Reife. In dieser Welt scheinen Ethik und Reife nicht sonderlich ausgeprägt zu sein.


Und da gibt es die andere Welt – die lebendige Welt da draußen. Meine Lieblingsmenschen und die Natur sind Teil dieser Welt, in der ich mich lebendig fühle. Insbesondere jetzt im Frühling lädt uns die Natur ein, im Hier und Jetzt zu sein und ihr Erwachen zu bezeugen.

Es lohnt sich zu beobachten, wie viel Zeit du in diesen zwei Parallelwelten verbringst und sich immer mehr auf die lebendige Welt im Hier und Jetzt auszurichten. Erinnere dich wie Du als Kind stundenlang Käfer und Blumen, Steine und Regentropfen bestaunen konntest. Geh in die Natur, übe dich in Achtsamkeit im Hier und Jetzt. Gerade macht es uns der Frühling extra leicht. Jeden Tag kannst du das Wachsen der Blüten, Blätter und Gräser beobachten, fröhliches Vogelgezwitscher hören, die Sonnenstrahlen auf deiner Haut spüren. Aktiviere all deine Sinne und nehme das pulsierende Leben in dir auf. Wenn du draußen bist, überprüfe wie sich das Leben in diesem Augenblick anfühlt. Und wenn das Gefühl angenehm ist, spüre die Dankbarkeit für das, was in dem Moment da ist. Bei all dem Elend in der Welt, darf es dir im Hier und Jetzt gut gehen. Du darfst dich lebendig, freudig und glücklich fühlen in diesem Augenblick.


 

Die Kraft der Gemeinschaft


Es heißt, 5 Menschen können die Welt verändern. In der Gemeinschaft potenziert sich unsere Schöpferkraft. Schwierige Zeiten lassen sich in der Gemeinschaft viel leichter verkraften als allein. Wir sind soziale Wesen und auf Gemeinschaft und Verbindung angewiesen. Da haben die letzten zwei Jahre uns diese Aufgabe nicht leicht gemacht. Es galt Abstand voneinander zu halten im Namen der Gesundheit. Doch Nähe ist in Kisenzeiten wichtiger denn je.


Räume für wahre Gemeinschaften, dies ist unsere Mission mit Life Rituals. Und auch wenn wir Gemeinschaften im physischen Raum unabdingbar finden, haben wir die Erfahrung gemacht, dass nährende Nähe und Vertrauen auch im virtuellen Raum möglich sind.


Um den inneren und äußeren Frieden zu unterstützen, veranstalten wir regelmäßig Rituale im virtuellen Raum und fördern somit der Erhalt des Gemeinschaftsgefühls. Am 1. April ist es wieder so weit: wir laden zu unserem 7 Generationen Ritual ein. In diesem berührenden Ritual treffen Menschen aus der Gegenwart auf Menschen aus der Zukunft. Was dann geschieht ist eine tiefe Verbundenheit an einem Ort außerhalb von Raum und Zeit. Wir schöpfen Mut, Vertrauen und Hoffnung, dass in 200 Jahren Menschen auf Planet Erde in Frieden und Integrität miteinander leben werden. Die Teilnahme ist kostenlos. Du kannst dich hier anmelden.

 


„Das Gebet nützt der ganzen Welt, denn der Frieden beginnt zu Hause und in unseren eigenen Herzen. Wie können wir Frieden in die Welt bringen, wenn wir keinen Frieden in uns haben?“


Mutter Teresa






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