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Zeit für Lebensfreude



Rückschau September 2012: Ich bin auf Ischia, eine wunderschöne kleine vulkanische Insel im Golf von Neapel. Es ist warm, die Luft ist durchdrungen durch die Abgase alter Fahrzeuge und vermischt sich mit der Meeresluft. Es ist noch Badesaison. Ich genieße das italienische Temperament, das Essen und die Sprache. Lebensfreude pur. Ich bin in einem kleinen Hotel auf einem Hügel untergebracht, wo es nachts stockdunkel ist und am Morgen die Hähne krähen. Eines nachts wache ich auf, es muss 3 Uhr sein, ich gehe auf den Balkon. Über mir erstrahlt die Milchstraße in ihrer ganzen Pracht. Eine stille Lebensfreude erfüllt mein Herz. Ich fühle mich als Teil dieses Universums und gleichzeitig ist das Universum in meinem Inneren.




Lebensfreude aus psychologischer Sicht


Lebensfreude, die Freude lebendig zu sein, ist eine essenzielle Qualität unseres Menschseins. Freude können wir nur erfahren, wenn unser Nervensystem gut reguliert ist. Dafür ist zu einem großen Maß unser autonomes Nervensystem zuständig. Normalerweise denkt man dabei an den Sympathikus, der für Aktivität zuständig ist und an seinen Gegenspieler, den Parasympathikus, der für Erholung sorgt. Der Neurowissenschaftler Dr. Stephen Porges hat durch seine langjährige Forschung entdeckt, dass der Vagusnerv (ein Teil des parasympathischen Systems) eigentlich aus zwei Verzweigungen besteht, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten in unserer Evolutionsgeschichte entstanden sind und verschiedene Funktionen erfüllen. In seiner Polyvagal Theorie beschreibt er die autonome Hierarchie, in der die drei Subsysteme des autonomen Nervensystems organisiert sind.


· Der dorsal-vagale Vagus ist der älteste Teil des autonomen Nervensystems. Es verbindet uns biologisch mit den Reptilien. Dieser neuronale Pfad reagiert auf extreme Gefahr durch Immobilisierung – Tiere stellen sich tot, wir Menschen erstarren, werden handlungsunfähig und stehen neben uns. Diese Reaktion dient dem Überleben, auch wenn sie in vielen Situationen nicht besonders konstruktiv ist (wenn wir uns z.B. in einem Vorstellungsgespräch für einen neuen Job befinden).

· Der Sympathikus hat eine mobilisierende Wirkung und wird in Gefahrensituationen aktiviert. Was als Gefahr eingestuft wird ist höchst individuell. Für einen ist es eine erhobene Stimme, für andere ein Blick in den Kalender. Sobald unser Nervensystem Gefahr signalisiert, steigen Herzschlag, Atemfrequenz und Blutdruck. Es wird Energie zum Handeln freigesetzt, wobei die Handlungsoptionen sich auf Flucht oder Kampf beschränken. Es ist eben ein Entweder-oder-Zustand.


· Der ventral-vagale Vagus ist der jüngere von beiden Vagusnerven und erst bei den Säugetieren entstanden. Er sorgt dafür, dass wir uns nicht die Köpfe einschlagen, sondern in Sicherheit und Verbundenheit miteinander leben. Der ventral-vagale Vagus hat eine Besonderheit – er ist durch eine Fettschicht (Myelinschicht) umgeben, was eine viel schnellere Informationsvermittlung durch die Nervenfasern ermöglicht. Dieser Teil des Vagusnervs reguliert die Herz- und Atemfrequenz und sorgt für Gleichgewicht.



Wenn wir uns sicher und geborgen fühlen, so ist der ventral-vagale Vagus besonders aktiv. Die Welt erscheint uns in Ordnung, wir sind an anderen Mitmenschen und sozialen Interaktionen interessiert. Wir können Lebensfreude empfinden.


Die Lebensfreude kann man aktiv kultivieren, in dem man Glimmer – kleine Mikro-Momente des Glücks im Alltag - wahrnimmt. Ein Glimmer kann die Tasse Kaffee am Morgen sein, der kleine Spaziergang in der Sonne, ein Lächeln, ein freundliches Wort. Richte deine Aufmerksamkeit immer wieder für 20 bis 30 Sekunden auf den gegenwärtigen Moment und genieße diesen in vollen Zügen. Somit trainierst du deine Fähigkeit, Lebensfreude zu empfinden.


Eine andere Art der Lebensfreude ist die Spielfreude. Spielfreude ist ein Mischzustand zwischen der ventral-vagalen balancierten Energie und der aktivierenden Energie des Sympathikus. Wenn wir in Spielfreude sind, sind wir neugierig, flexibel, offen für Neues. Spielfreude ist für die Reifung unserer Nervensysteme essenziell. Der Drang kleiner Tiere wie Welpen oder Katzen sowie der Menschenkinder ist angeboren. Wenn Kinder nicht genug Gelegenheiten zu spielen in ihrem Alltag bekommen, sind sie weniger resilient, können schwerer Freundschaften schließen und haben mehr Probleme mit der Emotionsregulation. Spiel ist kein sinnloser Zeitvertrieb, sondern buchstäblich eine neuronale Übung, die es uns ermöglicht zwischen Aktivität und Ruhe flexibel zu wechseln. Wann hast du das letzte Mal so richtig gespielt und Freude am Spiel gehabt?



Lebensfreude aus astrologischer Sicht


Lebensfreude kann manchmal so weit weg scheinen wie die Sonne an einem bleigrauen Wintermorgen. Und trotzdem ist sie, wie die Sonne, immer da. Nur vielleicht sind wir nicht in der Position, sie spüren zu können. Lebensfreude ist uns unglaublich nah, nämlich, in uns drin. Sie ist eingebaut; wir kommen mit ihr zur Welt, zumindest unter einigermaßen normalen Umständen. Der Schlüssel dazu ist unser Nervensystem (siehe oben), unsere Hormone und Muskeln, und unsere Erdung. Das soll jetzt ohne jeden Vorwurf oder Soll-Vorschrift verstanden werden: Lebensfreude hängt komplett daran, wie sehr wir mit unserem Körper verbunden sind, unserem fühlenden, wahrnehmenden Selbst jenseits von Selbstbild, Ideen und Gedanken. Deswegen ist Natur so heilsam: weil sie im ungestörten Zustand der Unschuld, also des Noch-Ganz-im-Jetzt-Seins, ist. Die Wildbiene, die ich beobachte, ist zu 100% mit sich verbunden, ohne Spaltung. Daher ihre Anmut und ihr Wissen, der Sinn sogar in erstmal schnellen oder „unlogisch“ erscheinenden Suchflügen. Ein Weißdorn oder eine Kirsche, die im Frühling ausschlagen, sind nicht mental mit dem letzten Winter beschäftigt, sondern 100% damit, zu blühen.


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In der Astrologie verkörpert kein anderes Zeichen Lebensfreude so wie Stier. Das Entzücken und das Glück, einen Körper zu haben (das uns eben durch Traumata, und vieles andere immer wieder abhandenkommen, aber eben auch zurückgewonnen werden kann), ist ähnlich wie das Glück der ersten wärmenden Sonne im April/Mai und der sich entfaltenden Blätter. Dieses Jahr werden wir dieses Bewusstsein besonders stark fühlen können, es gibt quasi eine Elektrisierung durch den Planeten Uranus, und den kosmischen Fingerzeig durch die Mondknotenachse. Stier = Körper, Uranus = Nervensystem, Schocks bzw. Erweckung. Es gab seit 170 Jahren nicht mehr diese Konstellation. Damals führte sie unter anderem zu den ersten großen Industrialisierungswellen und dem „Schock“ der Geschwindigkeit, dem Eisen und Dampf und Quietschen der Schienen bei den neu entstehenden Eisenbahnen Europas und Amerikas. Unsere Herausforderung 2022 und 23 ist eine entgegengesetzte: wieder mehr Ruhe zu finden, mehr Erdung, und Landschaften und Gärten zu bewahren oder wieder anzulegen, die im Einklang mit natürlichen Rhythmen stehen. Statt mehr Schocks, mehr Heilung, Ausgleich und Wissen, wie wir die Verbindung zu uns selbst wieder herstellen können. Statt mehr Stress, mehr Lebensfreude. Das ist dieser Frühling… und ich freue mich wahnsinnig darauf, ihn zu fühlen!



 



„Lebensfreude strömt in jede Zelle wie ungehinderter Atem.“


Else Pannek








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